„Die Inflation erfordert einen Kulturwandel“

30.09.2022 von Schubkraft

Professor Hermann Simon, Thorsten Giersch, Benjamin Springub

Das Interview mit Professor Hermann Simon und Benjamin Springub.

Gerade in Zeiten der Inflation müssen Unternehmen investieren – vornehmlich in Digitalisierungsmaßnahmen. Warum das so ist, erklären Professor Hermann Simon, Hidden-Champion-Forscher und Buchautor, und Benjamin Springub, Leiter Konzernprogramm Schubkraft (Konjunkturprogramm/ Förderung) bei der Deutschen Telekom.

Frage:
Herr Professor, die hohe Inflation grassiert nun schon viel länger als von vielen Politikern und von der Europäischen Zentralbank prognostiziert. Noch vor Kurzem wurde von einem rasch vorübergehenden Phänomen gesprochen. Hat man sich da verschätzt?

Prof. Hermann Simon:
Absolut. Den voranschreitenden Geldwertverlust wird man nicht so schnell stoppen können. Kluge Leute wie der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Hans-Werner Sinn aus München, der bereits Weihnachten 2020 vor einer Inflationskatastrophe gewarnt hatte, haben das auch vorhergesehen. Die derzeit hohe Inflationsrate ist ja nicht nur eine Folge des Ukraine-Konfliktes – mit ihr rächt sich vielmehr die langjährige Politik des lockeren Geldes.

Frage:
Herr Springub, wie muss die Wirtschaft mit dieser Erkenntnis, dass die Inflation wohl doch länger dauert, umgehen?

Benjamin Springub:
Dass eine Inflation anfänglich kleingeredet wird, ist nicht neu. In den 1970er-Jahren hatten Zentralbanken und Makroökonomen zunächst auch nur ein temporäres Problem gesehen. Entsprechend viel Zeit hatten sie sich mit ihren Reaktionen gelassen, währenddessen waren die Preise weitergaloppiert. Daran hat man gesehen: In „Schockstarre“ zu verfallen und abzuwarten, bis sich die Lage bessert, ist die falsche Reaktion. Wahrscheinlich wird es von jetzt an über Jahre hinweg eruptionsartig auftretende Kosten- und Preissteigerungen geben. Man darf deshalb aber nicht jahrelang mit wichtigen Investitionen warten. Investitionen in die Digitalisierung müssen zeitnah vorgenommen werden. Wer lange wartet, wird vom digitalen Wandel überrollt. Und genau für diesen Weg stehen mannigfaltige Förderprogramme bei Bund und Ländern zu Verfügung. Aus meiner Sicht ein weiteres Argument, jetzt in die Zukunft zu investieren.

Frage:
Macht sich die anhaltend hohe Inflation denn schon in einer Investitionszurückhaltung bemerkbar?

 

Prof. Hermann Simon:
Ja, allerdings in ambivalenter Weise. Einerseits scheuen Unternehmen größere Anschaffungen, andererseits akzeptieren sie die Notwendigkeit von effizienzsteigernden Technologien. Herr Springub hat völlig recht: In die Digitalisierung zu investieren, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt richtig und wichtig, denn mehr Digitalisierung bedeutet mehr Effizienz – und damit letztlich auch mehr Kostendämpfung. Die Unternehmen wissen, dass sie ihre gestiegenen Beschaffungskosten nicht voll an ihre Kunden weitergeben können, also bemühen sie sich stattdessen um eine Reduzierung ihrer übrigen Betriebskosten. Durch Digitalisierungsmaßnahmen sind laut Experten Effizienzsteigerungen im Bereich von 25 Prozent möglich, deshalb denke ich, dass man viele Unternehmen davon überzeugen kann, trotz Inflation in Digitalisierungsmaßnahmen zu investieren – vorausgesetzt, die Rentabilität solcher Maßnahmen lässt sich mit harten Zahlen belegen.
 

Benjamin Springub:
Das ist auch meine Erfahrung. Die Lokomotive des Digitalisierungszuges ist zähl- und messbarer Benefit. Es geht den Unternehmen beim Digitalisieren nicht primär ums Image, sondern um Prozessoptimierungen, mit denen sie Geld sparen können oder Wege Ihre Kunden besser zu erreichen und das Kundenerlebnis zu verbessern. Und das funktioniert ja auch, wenn wir das am Thema Effizienzsteigerung festmachen: Laut Umfragen haben 81 Prozent der mittelständischen Unternehmen, die Fördermittel für Digitalisierungsmaßnahmen beantragt haben, Effizienzsteigerungen erzielen können.

Frage:
Nun ist es ja so, dass die Dinge, die zur Prozessoptimierung nötig sind – wie Automatisierung, Robotik und künstliche Intelligenz – in der breiten Öffentlichkeit eher mit dystopischen Szenarien als mit nützlichem Fortschritt assoziiert werden. Ist das vielleicht auch in Teilen der Wirtschaft so? Fehlt es einigen Unternehmen schlicht an Wagemut?

Prof. Hermann Simon:
Davon darf sich die Wirtschaft nicht beirren lassen. Sie hat im Übrigen auch keine Wahl, denn teure Rohstoffe und hohe Prozesskosten sind ja nur eine Seite der Kostentreibermedaille. Die andere Seite ist menschliche Arbeitskraft. Diese wird zum einen durch eine sehr bald aufspringende Preis-Lohn-Spirale immer teurer werden und ist zum anderen eine immer knapper werdende Ressource, denn der Fachkräftemangel wird kontinuierlich größer statt kleiner. Die Inflation erfordert also einen Kulturwandel: Digitalisierung und Automatisierung dürfen nicht länger als Wagnis angesehen werden, sondern sind als Notwendigkeiten zu akzeptieren. Betriebe, die sich beidem verweigern, werden mittelfristig nicht überleben können.

Frage:
Abgesehen vom Investieren in Digitaltechnik – was können oder müssen Unternehmen sonst noch tun, um der Inflation angemessen zu begegnen?

Prof. Hermann Simon:
Die Unternehmen müssen agiler werden. Sie müssen frühzeitiger erkennen, welche Entwicklungen sich kostensteigernd auswirken könnten, und entsprechend vorausschauend agieren – zum Beispiel mit Vorratseinkäufen oder mit Produktänderungen. Wenn es immer drei Monate dauert, bis ein Betrieb seine Abläufe auf eine Verknappung eingestellt hat, ist das viel zu lange; da ist die Jahresbilanz im Grunde schon verhagelt. Und ja: Natürlich spielt Digitalisierung auch im Hinblick auf Agilität eine Rolle.
 

Benjamin Springub:
Ich möchte noch ergänzen, dass Agilität viele Facetten hat. Schnelle Informationsbeschaffung, etwa durch Echtzeit-Analysen mithilfe von Digitaltechnologien, ist eine davon. Aber zum Agilsein gehört noch mehr – zum Beispiel, zeitnah Förderanträge zu stellen, wenn Bund oder Länder entsprechende Gelder freigeben. So etwas auf die lange Bank zu schieben, nur, weil es womöglich kompliziert sein könnte, ist alles andere als agil.
 


 

Frage:
Zusammenfassend: Welchen strategischen Fahrplan zur Inflationsbewältigung würden Sie beide den Unternehmen an die Hand geben?

Prof. Hermann Simon:
Zwei grundlegende Direktiven: Erstens – Inflationsbewältigung darf sich nicht in dem Bemühen erschöpfen, Einkaufspreiserhöhungen zu kompensieren. Höhere Einkaufspreise sind für viele Unternehmen ja gar nicht die größte Baustelle. Sie haben überdies das Problem, dass sie keine Rohstoffe oder keine Ersatzteile bekommen. Es geht also auch um mehr Flexibilität in der Produktgestaltung. Zweitens – Geld ist in Inflationszeiten eine verderbliche Ware. Heißt: Das Geld muss schnell hereinkommen – wir werden deshalb wohl die Rückkehr des Skontos erleben –, es muss aber auch schnell wieder ausgegeben beziehungsweise investiert werden. Schließlich kann das Geld morgen schon wieder weniger wert sein als heute.

Benjamin Springub:
Insbesondere die zweite von Herrn Professor Simon genannte Direktive wäre auch mein Fahrplan. Ich will es mal etwas anders ausdrücken, nämlich mit dem Slogan der Telekom: „Digitalisierung.Einfach.Machen.“ Jetzt ist nicht die Zeit, zögerlich zu sein und lange über das Für und Wider im Zusammenhang mit technologischen Neuerungen zu diskutieren. Umsetzungsbereitschaft ist gefragt! Es gilt, alle sich bietenden Möglichkeiten zu eruieren und dabei natürlich auch Fördermöglichkeiten zu berücksichtigen. Viele Unternehmen sind offenbar der Ansicht, dass Fördermittel nur etwas für bedürftige Unternehmen sind – das ist völlig falsch. Insbesondere dann, wenn man wirtschaftlich gut dasteht, kann und sollte man nach Förderungen Ausschau halten. Es lohnt sich nämlich. Und ein kontinuierlicher Blick in die Zukunft und die Entwicklungen sollte jede Unternehmerin und jeder Unternehmer stets wagen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Eröffnungs-Vortrag zum "Schubkraft"-Förderprogramm von Benjamin Springub Leiter Konzernprogramm Schubkraft (Konjunkturprogramm/ Förderung) der Deutschen Telekom.

Autorengespräch mit Hermann Simon zu seinem neuen Buch "Die Inflation schlagen", erschienen im Campus Verlag.

Hermann Simon ist Unternehmensberater und erfolgreicher Autor. In seinem Vortrag  analysiert er die entscheidenden Stellschrauben im Kampf gegen die Inflation und stellt konkrete Maßnahmen vor, die jedes Unternehmen sofort ergreifen kann.

Schubkraft

Mit dem Programm „Schubkraft“ begleitet die Telekom Unternehmen dabei, relevante Förderprogramme von Bund und Ländern zu identifizieren und vermittelt Beratungsangebote, die bei der Vorbereitung der Förderanträge unterstützen. Ist die Förderung bewilligt, setzt die Telekom das jeweilige Digitalisierungsprojekt gemeinsam mit dem Unternehmen um.